ChatGPT Ads kommen – was Unternehmen jetzt wissen sollten

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Werbung in ChatGPT klingt auf den ersten Blick nach einer weiteren Meldung im KI-Hype.
Neues Feature, große Schlagzeilen, viel Spekulation. Die naheliegende Reaktion vieler Marketingverantwortlicher: erst mal beobachten.

Das ist verständlich – aber riskant.

Denn ChatGPT Ads sind weniger ein neuer Kanal als ein Signal dafür, wie sich Entscheidungsprozesse gerade verändern: weg von klassischer Suche, hin zu dialogischer Problemlösung. Weg von Keywords und Klicks, hin zu Kontext, Abwägung und Vertrauen.

Im Folgenden zeigen wir, warum ChatGPT Ads mehr sind als nur ein neues Werbeformat, wie sie sich grundlegend von Google Ads unterscheiden – und warum Unternehmen sich jetzt damit beschäftigen sollten.

ChatGPT Ads: die wichtigsten Fakten

OpenAI testet Werbung aktuell ausschließlich in den USA. Anzeigen werden nur Nutzern des kostenlosen Plans sowie des günstigen „Go“-Abos ausgespielt. Bezahlte Varianten wie Plus, Pro, Business oder Enterprise bleiben werbefrei. Nutzer unter 18 Jahren sehen keine Werbung.

Ein zentrales Versprechen von OpenAI ist die strikte Trennung von Werbung und KI-Antworten. Anzeigen sollen keinen Einfluss auf die generierten Inhalte haben. Möglich machen soll das ein sogenannter „Air Gap“: Während ChatGPT eine Antwort formuliert, weiß das Modell nicht, welche Anzeige später ausgespielt wird. Ziel ist es, Schleichwerbung und inhaltliche Verzerrungen zu verhindern.

Gesprächsinhalte werden nicht an Werbetreibende weitergegeben. Anzeigen erscheinen ausschließlich ober- oder unterhalb der Antworten, klar gekennzeichnet und visuell abgegrenzt. Nutzer können personalisierte Werbung deaktivieren und Werbedaten einsehen oder löschen.

Offen bleibt die Frage des Jugendschutzes bei nicht eingeloggten Nutzern. Vermutlich setzt OpenAI hier auf konservative Heuristiken – im Zweifel dürfte jedoch gelten: lieber keine Anzeige als die falsche.

Wichtig für Unternehmen: Wir befinden uns in einer Testphase. OpenAI sammelt Feedback, passt an und entscheidet erst danach über eine breitere Skalierung. Jetzt ist nicht der Moment, um Budgets zu verschieben – sondern um vorbereitet zu sein.

Google Ads vs. ChatGPT Ads: zwei Systeme, zwei Denkmodelle

Der Vergleich zwischen Google Ads und ChatGPT Ads liegt nahe, führt aber schnell in die Irre, wenn man ihn zu oberflächlich führt. Denn hier treffen nicht zwei Werbeformate aufeinander, sondern zwei grundsätzlich unterschiedliche Logiken, wie Nachfrage entsteht und Entscheidungen getroffen werden.

Google Ads für entscheidungsbewusste Nutzer:innen

Google Ads funktionieren dann besonders gut, wenn der Nutzer bereits weiß, was er will. Der Suchintent ist klar formuliert, oft bereits kaufnah. Wer beispielsweise nach „CRM Software kaufen“ oder „Steuerberater München“ sucht, befindet sich nicht mehr in der Orientierungsphase, sondern kurz vor einer Entscheidung. Google Ads greifen diese bestehende Nachfrage ab. Es ist ein klassisches Pull-Prinzip: Der Nutzer fragt aktiv, Anbieter konkurrieren um Aufmerksamkeit, der Klick ist die Währung.

ChatGPT für Problemlöser:innen

ChatGPT setzt deutlich früher an. Nutzer kommen nicht mit einer konkreten Suchanfrage, sondern mit einem Problem, einem Ziel oder einer Unsicherheit. Sie denken im Dialog laut, sortieren Optionen, definieren Kriterien. Die Lösung entsteht erst im Gespräch.

In diesem Kontext erscheinen ChatGPT Ads nicht als Antwort auf eine Suchanfrage, sondern als mögliche Option innerhalb des laufenden Denkprozesses. Die Anzeige unterbricht diesen Prozess nicht, im besten Fall ergänzt sie. Und genau das verändert die Rolle von Werbung fundamental.

Während Google Ads stark auf Keywords, Gebote und Sichtbarkeit optimiert sind, basieren ChatGPT Ads auf Kontext, Intention und Gesprächsverlauf. Es geht weniger darum, gesehen zu werden, sondern mehr darum, akzeptiert zu werden. Die zentrale Frage lautet nicht: „Klickt jemand?“ – sondern: „Passt diese Empfehlung gerade?“

Oder anders formuliert: Bei Google Ads geht’s darum, im richtigen Moment sichtbar zu sein. Bei ChatGPT Ads darum, schon vorher mit zu beeinflussen, wonach überhaupt gesucht wird.

Doch was bedeutet dies für die zukünftige Marketingstrategie?

Google Ads werden ein hochrelevanter Kanal im Lower-Funnel bleiben, ChatGPT wird eine wichtige Ergänzung, v.a. im Upper- und Mid-Funnel.

Gerade für komplexe Produkte, erklärungsbedürftige Services und B2B-Angebote ist das ein entscheidender Unterschied. Wer in dieser frühen Phase präsent ist, beeinflusst nicht nur die Auswahl, sondern oft auch die Kriterien, nach denen später entschieden wird.

ChatGPT Ads werden Google Ads nicht ersetzen. Aber sie verschieben das Kräfteverhältnis. Wer sich ausschließlich auf Suchmaschinen verlässt, steigt immer später in den Entscheidungsprozess ein und zahlt entsprechend höhere Preise für Aufmerksamkeit.

Die Frage ist daher, wie sich Marketingbudgets und Strategien anpassen müssen, wenn Entscheidungen zunehmend im Dialog statt in der Suche vorbereitet werden.

Wie Unternehmen sich jetzt vorbereiten sollten

Die Vorbereitung auf ChatGPT Ads ist weniger eine Media-Frage als eine strategische. Entscheidend ist nicht, wie schnell ein Unternehmen Ads bucht, sondern ob es für Nutzer:innen und deren Entscheidung tatsächlich relevant ist.

Der erste Schritt besteht darin, nicht in Zielgruppen, sondern in Fragen denken. Welche Fragen stellen Menschen, bevor sie ein Produkt wie Deines überhaupt in Betracht ziehen?

Ebenso wichtig ist es, klassische Werbetexte hinter sich zu lassen.

Was hier funktioniert, sind Erklärungen, Einordnungen und ehrliche Abwägungen – keine Superlative und kein Marketing-Sprech.

Unternehmen sollten außerdem klar definieren, in welchen Kontexten sie hilfreich sind – und in welchen nicht. Relevanz schlägt Reichweite, besonders in einem Umfeld, das auf Vertrauen baut.

Operativ heißt das:

  • Pilotbudgets einplanen, ohne kurzfristige ROI-Erwartung
  • saubere Daten- und Produktgrundlagen bereitstellen
  • klare, überprüfbare Botschaften formulieren
  • sensible oder unerwünschte Kontexte ausschließen
  • KPIs und Attribution an dialogbasierte Touchpoints anzupassen

Auch für B2B-Unternehmen ist der Kanal relevant: Recherchen und Vorqualifizierungen finden bereits heute in ChatGPT statt, oft lange vor dem ersten Kontakt mit klassischen Performance-Kanälen.

Der oft zitierte First-Mover-Vorteil entsteht dabei nicht durch Schnelligkeit, sondern durch Vorbereitung.

Fazit: Was Unternehmen jetzt daraus ableiten sollten

Für Unternehmen ist ChatGPT Ads kein kurzfristiges Experiment, sondern ein strategisches Signal. Es zeigt, dass sich Entscheidungsprozesse messbar nach vorne verlagern. Weg von der Suche, hin zum Dialog. Wer Marketing weiterhin fast ausschließlich im Lower-Funnel optimiert, wird effizienter, aber nicht wirksamer.

Google Ads bleiben unverzichtbar, wenn es um Conversionoptimierung geht. Doch sie greifen immer später in den Entscheidungsprozess ein. ChatGPT Ads adressieren genau die Phase, in der Probleme definiert, Optionen sortiert und Bewertungskriterien festgelegt werden.

Für Unternehmen bedeutet das: Relevanz im Denkprozess wird zur zentralen Kompetenz. Marken, die hier früh präsent sind, konkurrieren später nicht mehr nur über Preis oder Sichtbarkeit, sondern über gedankliche Vorarbeit.

ChatGPT Ads ersetzen bestehende Kanäle nicht. Aber sie verändern, wo Marketing Wirkung entfaltet. Wer das ignoriert, optimiert weiter und verliert trotzdem an Einfluss.

Offen bleibt, wie und wann ChatGPT Ads für Unternehmen konkret zugänglich werden. Auch die Frage nach den Pricing-Modellen ist noch unbeantwortet: Wird es klassische CPC-Logiken geben, kontextbasierte Platzierungen oder ganz neue Abrechnungsmodelle? Vieles deutet darauf hin, dass OpenAI hier bewusst vorsichtig vorgeht.

Und genau das ist der spannende Teil. Die Spielregeln werden gerade definiert – und sie werden darüber entscheiden, wer früh Einfluss gewinnt und wer später nur Reichweite einkauft. Vorbereitung schlägt Timing.

ChatGPT Ads sind kein Hype-Thema. Sie sind ein Strukturthema. Und genau deshalb gehören sie jetzt auf Deine Agenda für 2026.